Bologna-Reform: unscharfe Profile erschweren Rekrutierung von Hochschulabsolventen

2020 M02 28

Die Schweiz gehörte 1999 zu den Erstunterzeichnern der Bologna-Reform. Diese hat einen wettbewerbsfähigen und dynamischen Hochschul- und Forschungsraum in Europa zum Ziel und sieht ein zweistufiges Studiensystem mit Bachelor und Master sowie die Einführung eines Leistungspunktesystems (ECTS) vor. Die Schweiz hat die Reform im Vergleich zu anderen Ländern (insgesamt 47) relativ zügig umgesetzt. Seit 2005 sind an den meisten Fachhochschulen die Lehrgänge auf das Bachelor-System umgestellt worden. Die Fachhochschullandschaft der Schweiz war in den 90er-Jahren geprägt von vielen Inseln, die untereinander stark konkurrierten und durch oftmals mangelnde Kooperation aufgefallen waren. Erst die Ende der 90er-Jahre vom Bundesamt für Berufsbildung initiierte und mit dreistelligen Millionenbeträgen alimentierte FH-Reform brachte eine Wende.

Wozu eine Reform?

Vergleichbarkeit, Transparenz und Mobilität bestimmen die Agenda der Reformbefürworter. Bei genauerer Betrachtung ist es letzten Endes die Mobilität, die als Hauptargument ins Feld geführt werden muss, denn wer mit seinem Abschluss nicht mobil ist, braucht letztlich weder eine Vergleichsmöglichkeit noch Transparenz. Dass Schweizerinnen und Schweizer gerade in Sachen Mobilität wenig Flexibilität zeigen, beweisen Zahlen dazu: Interkantonal liegt die Mobilität im Familienbereich etwa bei 5 Prozent, im Studienbereich sind es etwa 12 Prozent, die von einer Austauschmöglichkeit Gebrauch machen (bis zu zwei Semester können an einer anderen Hochschule absolviert werden). Bezeichnenderweise wurde und wird das Mobilitätsargument von Regierung und Verwaltung auch bei anderen Bildungsreformvorhaben immer wieder als prioritär eingestuft, wie beispielsweise bei der interkantonalen Schulharmonisierung (Volksschule). Zu Unrecht, wie sich zeigt. Als stiller Partner des Erasmus-Austauschprogramms beteiligt sich die Schweiz auch am internationalen Studentenaustauschprogramm. Auch hier zeigt sich, dass die Reform nicht das hält, was sie verspricht. So beklagen sich Studierende, dass ihre im Ausland erworbenen Kreditpunkte in der Schweiz nicht voll angerechnet werden.

Studiengänge verlieren ihre Schärfe –

die Verschulung nimmt zu

«Gleichwertigkeit, aber Andersartigkeit», so konnten bisher die beiden Bildungswege –der akademische und der zweite Bildungsweg, respektive deren Abschlüsse – treffend

 

beschrieben werden. Mit der Bologna-Reform und den nun möglichen «Passerellen» (Wechsel, vice versa) wird dieser Grundsatz über Bord geworfen. Die Fachhochschulen waren lange Zeit das Terrain der Praktiker, der Berufsleute, die sich über eine Berufslehre entsprechende Praxis erarbeitet haben, wohingegen die Hochschulen den Maturanden vorbehalten blieben, die einen akademischen Weg einschlagen wollten – andersartig, aber gleichwertig eben.

Heute sind zahlreiche Fachhochschulabsolventen anzutreffen, die nach ihrer gymnasialen Matura ein sechsmonatiges Praktikum absolviert haben, um dann ihren Bachelor an einer FH abzuschliessen. Es liegt auf der Hand, dass Absolventen mit einem solchen Profil gegenüber Abgängern mit Berufsausbildung deutlich im Nachteil sind und sich bei der Stellensuche entsprechend schwertun. Auf der anderen Seite verlieren die Hochschulen ihr Profil, indem sie mit Fachhochschulen konfrontiert werden, die mit einem «universitätsfernen» Lehrkörper Master-Lehrgänge und «Fakultäten» aufbauen. Deren Einstufung in der Schweizer Hochschullandschaft ist schwierig, und sie können aufgrund der grossen Hochschuldichte teilweise grundsätzlich infrage gestellt werden. Gewisse Studiengänge werden von den Fachhochschulen sogar nur noch als Master-Lehrgang angeboten (wie Architektur). Weitere Beispiele zur Entwicklung der Profile: Kindergärtnerinnen absolvieren ein Studium an einer pädagogischen Hochschule, Hebammen ein vierjähriges Studium an der FH plus Praktikum. Die damit einhergehende allgemeine Verschulung führt letztlich dazu, dass immer mehr Praktiker fehlen.

Die Vermischung der Begrifflichkeiten Executive Master/Master of Advanced Studies (früher NDS; steht praktisch jedem offen, auch ohne vorhergehendes Studium) und Master (für Bachelor-Absolventen) führt zu weiteren Konfusionen. Und jetzt mischen auch noch die nicht-universitären HFs (Technikerschulen) mit, sprechen von «Studium» und versuchen mit grossem Effort und durch Kooperationen mit ausländischen Instituten einen Bachelor-Abschluss einzuführen («Professional Bachelor ODEC in Engineering»). Die Einführung des «Master HF» scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, um den Begriff «Studium» letztlich total ad absurdum zu führen.

Vorhandene Mittel werden im Hochschulbereich nicht optimal eingesetzt

Die durch die Fachhochschulreform erzwungene Konsolidierung im Fachhochschulbereich mit einhergehender Haushaltsdisziplinierung hatte zur Folge, dass sich gewisse Standorte von bestimmten Studienrichtungen verabschieden mussten. Bei der Fachhochschule Nordwestschweiz wurde beispielsweise die Informatik in Brugg-Windisch konzentriert – Muttenz und Egerkingen/Olten wurden aufgegeben. Offenbar wurden aufgrund regionalpolitischer Interessen an diesen Standorten schleichend wieder Lehrgänge aufgebaut, die eigentlich nach Brugg-Windisch gehörten. In Muttenz beispielsweise befassen sich Studenten im Rahmen ihres Studiums zum «Bachelor of Life Science Technologies» auch mit Softwareentwicklungen und Elektrotechnik. Der Studiengang muss sich offensichtlich vom Studium in Brugg-Windisch abgrenzen, kommt breitgefächerter daher und wird dadurch für Unternehmen unattraktiv, da die Studenten zu Generalisten ausgebildet, eigentlich aber Spezialisten gesucht werden. Die Wirtschaftsinformatiker-Lehrgänge in Olten sind je nach Fächerwahl teilweise zwar stark an das Brugger Informatikstudium angelehnt, reichen technisch aber doch wieder nicht an den Anspruch des «Originals» heran.

Ein Beispiel eines unscharfen Lehrgangs bietet die «Interstaatliche Hochschule für Technik Buchs NTB»: Studenten, die sich für das Studium zum Systemtechniker ausbilden, können sich in den fünf Profilen «Mikrotechnik», «Maschinenbau», «Elektronik und Regelungstechnik», «Ingenieurinformatik» oder «Informations- und Kommunikationssysteme» fachlich entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass durch ein derart breites Spektrum eine vertiefte Wissensvermittlung und tragfähige Industriepartnerschaften vonseiten der FH-Führung nur schwer zu halten sind.

Es scheint, als hätten die Fachhochschulen grundlegende Marktprinzipien über Bord geworfen, wonach für ein Angebot zuerst einmal eine Nachfrage vorhanden sein muss. Das ausufernde Angebot, einhergehend mit dem Mangel an Fokussierung, führt zwangsläufig zur Verschwendung von Mitteln. Vor diesem Hintergrund von mangelndem Budget zu sprechen, scheint folgerichtig, ist aber unzulässig.

Am Markt vorbei produziert

Nun kann ins Feld geführt werden, dass durch die zahlreichen unterschiedlichen Angebote ja zusätzliche Absolventen für den Informatikbereich gewonnen werden könnten. Leider ein Fehlurteil. Kandidaten schwammig definierter Lehrgänge fehlt die Profilierung, die Vertiefung in eine Richtung. Es sind die Absolventen selbst, die sich nach Abschluss ihres Studiums aufgrund mangelnder Fokussierung auf ein Gebiet über die schwierige Stellensuche beklagen. Obwohl die Wirtschaft Informatik-Lehrabgänger und FH-Absolventen mit Fachrichtung Informatik geradezu aufsaugt, schaffen es die Fachhochschulen nicht, entsprechenden Nachwuchs auszubilden. Stattdessen bemüht man sich weiter um Angebotserweiterung im businessnahen, im sozialen und pädagogischen Bereich oder erweitert die Palette mit Pseudo-Informatikangeboten.

Die Schuld ganz auf die FHs zu schieben, ist indes auch nicht korrekt. Das Grundübel liegt weiter vorn im Entwicklungsprozess. Die Jugendlichen von heute kommen während ihrer Volksschulzeit viel zu wenig mit der Technik in Kontakt. Jungen werden im «Frauenbiotop Volksschule» nicht mehr in diesen Themen abgeholt, Mädchen zu wenig gefördert.

Fazit für die Beurteilung von Absolventen

Auch in Zukunft dürfte das jeweilige Ausbildungsinstitut ein wichtiger Gradmesser für die Qualität eines Abschlusses sein. Gewisse Fachhochschulen verfügen über ausgezeichnete Industriepartnerschaften, die ihren Studenten anspruchsvolle und aussagekräftige Semester- und Diplomarbeiten anbieten – noch immer einer der Hauptpfeiler für die Beurteilung eines Dossiers. Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Profilierung, Transparenz und Vergleichbarkeit nach erfolgter Fachhochschul- und Bologna-Reform stark gelitten haben. Eine verstärkte Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und eine Fokussierung sind dringend nötig und wird die Beurteilung von Kandidaten wieder einfacher machen. <